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Buchbesprechung: Lernen sichtbar machen

„Im Laufe der letzten paar Jahre ist die Frage der Ermittlung, Bewertung und Anerkennung nicht formal erworbener Kompetenzen in der europäischen Debatte über Bildung, Berufsbildung und Lernen an vorderste Stelle gerückt“. Mit diesem Satz beginnt das Vorwort des Buches „lernen sichtbar machen“, das vom Europäischen Zentrum für die Förderung der Berufsbildung „Cedefop“ vor kurzem herausgegeben wurde. Und der Untertitel heisst: „Ermittlung, Bewertung und Anerkennung nicht formal erworbener Kompetenzen in Europa“.

Worum geht es? Einfach gesagt das zu beschreiben, zu definieren und anzuerkennen, was man bei täglichem Tun, sei das bei der Arbeit oder sonst, lernt. Oder mit einem Zitat aus dem Buch: „Lernen, das ausserhalb der formalen Bildungs- und Berufsbildungseinrichtungen stattfindet, stärker sichtbar zu machen.“ Wir sind sehr vertraut mit dem Lernen in Schulen, in Kursen und bei weiteren ausdrücklich für das Lernen vorgesehenen Gele- genheiten. Dieses Lernen nennt man das  formelle Lernen. Das Lernen während der Arbeit, in der Freizeit und z.B. bei Freiwilligenarbeit nehmen wir viel weniger wahr. Dieses sogenannt nicht formelle oder informelle Lernen führt ein eigentliches Mauerblümchendasein. Das kommt dann sehr deutlich zum Ausdruck, wenn jemand in einem Bereich bereits sehr kompetent ist, jedoch die entsprechende Ausbildung noch machen muss, um auch ein entsprechendes Ausweispapier in den Händen zu halten.

Die Schweiz steht im Bereich der Anerkennung nicht formell erworbener Kompetenzen noch sehr am Anfang. Während in der Romandie der Begriff der „Reconnaissance et validation des acquis“ ein fester Begriff ist und z.B. der Kanton Genf seit bald zehn Jahren ein „centre de bilan“ führt, ist in der deutschen Schweiz der Begriff der „Anerkennung und Validierung nicht for- mell erworbener Fähigkeiten“ erst ein Arbeitsbegriff und nur wenigen wirk- lich geläufig.

Das Buch „lernen sichtbar machen“ gibt einen Überblick über den Stand der Bestrebungen der Anerkennung, der bei der Arbeit, in der Freizeit und wei- teren Tätigkeiten erworbenen Kompetenzen zum Durchbruch zu verhelfen. Es gibt einen Überblick über theoretische Grundfragen, Entwicklungen und Trends auf nationaler und europäischer Ebene und zieht Schlussfolgerungen. Ein Glossar gibt einen Überblick über die Begriffe, die, typisch für ein noch junges Thema, meist noch nicht gefestigt sind und entsprechend noch nicht einheitlich gebraucht werden.

Interessant sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Mitglied- ländern der EU. Das in dieser Beziehung fortgeschrittenste Land ist Frankreich: Seit 1992 können dort berufliche Befähigungsausweise (Certificats d’aptitude professionelle) verschiedenen Niveaus auf Grund der Bewertung nicht-formell erworbener Kompetenzen erworben werden. Industrie und Handelskammern haben in Frankreich zudem eine Initiative ergriffen, mit dem Ziel, Verfahren und Standards für eine vom formellen Bildungs- und Berufsbildungssystem unabhängige Bewertung zu schaffen. Während in den nordischen Ländern, England und Irland sowie in den mediterranen Ländern eine recht hohe Akzeptanz für die Bestrebungen zur Anerkennung der nicht-formell erworbenen Fähigkeiten besteht, ist in den beiden Ländern Deutschland und Österreich eine deutliche Zurückhaltung zu beobachten. Die Vermutung besteht, dass dies mit dem dort ausgeprägten dualen System der Berufsbildung zusammenhängt. Dennoch nimmt auch in diesen Ländern die Aufmerksamkeit für die Anerkennung der nicht formell erworbenen Kompetenzen zu.

Ich kann die Lektüre dieses Sachbuches all denen sehr empfehlen, die sich mit Bildungsfragen beschäftigen, weil es sich auch ausführlich mit Grundsatzfragen beschäftigt, die für die weitere Entwicklung bei der Anerkennung nicht-formell erworbener Kompetenzen zentral sind, aber auch, weil es einen guten Überblick gibt über den Stand der theoretischen Diskussion und der praktischen Fortschritte in den Ländern der EU.

Nicht zuletzt macht die Lektüre auch bewusst, wie nahe Lernen und Arbeiten, ja alle Arten von Aktivitäten zusammenhängen und wie wichtig das optimale Zusammenwirken dieser Kräfte für die Zukunft ist.

Das Buch kann bezogen werden über:

Cedefop - Europäisches Zentrum für die Förderung der Berufsförderung
PO Box 22427, GR-570 01 Thessaloniki (Pylea)
Tel. (30-31) 490 111 / Fax (30-31) 490 020
E-Mail: info(at)cedefop.eu.int

oder über:

Euro Info Center Schweiz 
c/o OSEC Business Network Switzerland
Stampfenbachstraße 85
PF 492
CH-8035 Zürich
Tel. (41-1) 365 53 15 / Fax (41-1) 365 54 11
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 21.11.2001/Ruedi Winkler

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